Berichte – Zugänge erweitern

Präventionsprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ unterstützt Möllner Gemeinschaftsschule mit Lehrbüchern zum Thema Antisemitismus

Im Rahmen des Präventionsprojektes „ZUGÄNGE ERWEITERN“ des Vereins Miteinander leben e.V., das an Schulen in Schleswig-Holstein Impulse zu den Themen „Antisemitismus“ und „Begegnung mit dem Judentum“ im Unterricht setzen und ein landesweites Lernnetzwerk aufbauen will, hat Projektassistentin Wencke Stegemann die Gemeinschaftsschule Mölln besucht. Sie war dort mit den Lehrerinnen Sarah Glesmer und Anne Drews verabredet, die seit vielen Jahren auf die Angebote des Präventionsprojektes zurückgreifen oder selbst Unterrichtsschwerpunkte zu diesen Themen setzen. Für Wencke Stegemann, die erst seit wenigen Wochen das Präventionsprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ unterstützt, war der Besuch dieser Partnerschule im Lernnetzwerk mit einem besonderen Auftrag verbunden.

Wencke Stegemann (li.) übergibt das Lehrbuch

Wencke Stegemann (li.) übergibt im Namen des Projektes "ZUGÄNGE ERWEITERN - Bildungsnetzwerk Antisemitismus" das Lehrbuch „Gern wär ich geflogen- wie ein Schmetterling“ an die Lehrerinnen Anne Drews und Sarah Glesmer von der Möllner Gemeinschaftsschule

Sie überbrachte zu ihrem Einstand ein Lehrbuch für die unteren Klassenstufen, das dort bereits länger als Klassensatz auf der Wunschliste stand. Das Buch „Gern wär ich geflogen- wie ein Schmetterling“ handelt von der persönlichen Geschichte von Hannah Gofrith und ihrer Familie und wird von der Gedenkstätte Yad Vashem vertrieben. Diese Familiengeschichte vermittelt Schüler*innen auf altersgemäße Art und Weise die zentralen Eckpunkte der Geschichte der Shoah. Sie erfahren aber auch viel über jüdisches Leben vor, während und nach dem Holocaust. In diesem Sinne ist das Lehrbuch für Sarah Glesmer und Anne Drews eine ideale Ergänzung für ihre Unterrichtsgestaltung, die das Ziel verfolgt, Kindern ab der 5. Klasse altersgerechte Lernangebote zu Themen wie Judentum, Holocaust, Israel und dem Nahost-Konflikt zu machen. „Wir setzen uns als Schule gegen jegliche Form von Rassismus und Antisemitismus ein und möchten den Schüler*innen ermöglichen, ein Gesellschaftsbild zu entwickeln, welches von Menschlichkeit, Würde und Achtung gegenüber anderen Menschen geprägt ist“, beschreibt Sarah Glesmer dieses Engagement. „Wir arbeiten daran, Partnerschaften zu anderen Institutionen aufzubauen, die uns auf diesem Weg begleiten, uns unterstützen und den Austausch mit anderen fördern“, ergänzt Anne Drews und beschreibt damit genau den Ansatz und Auftrag des Präventionsprojektes „ZUGÄNGE ERWEITERN“, zu dem die Gemeinschaftsschule Mölln eine schon im Vorgängerprojekt gewachsene Partnerschaft unterhält.

Wencke Stegemann informierte bei Ihrem Besuch über die Idee des landesweiten Lernnetzwerkes und dessen laufenden Online-Fortbildungsangebote für Lehrkräfte. Mit der Einrichtung ihrer Stelle als Projektassistenz soll diese Netzwerkarbeit an den Schulen in Schleswig-Holstein in den kommenden Monaten deutlich intensiviert werden. „Meine Aufgabe ist es, für die Idee des Lernnetzwerkes zu werben und engagierte Lehrkräfte zusammenzuführen“, sagte Wencke Stegemann. Dafür wird sie Schulen im Land gezielt aufgesucht und die bestehenden Unterrichtsangebote des Projektes vorstellen, die seit vielen Jahren von Projektleiterin Gabriele Hannemann entwickelt und im südöstlichen Schleswig-Holstein erfolgreich eingesetzt werden. Dabei geht es neben den bereits Konzepten der „Holocaust Education“ vor allem auch um Unterrichtseinheiten, die gegenwärtige Ausprägungen des Antisemitismus thematisieren. Ebenso wird sie den Fortbildungskatalog des Präventionsprojektes beschreiben, für den aktuell Uta Hartwig im Projekt verantwortlich ist und der allen interessierten Lehrkräften offen steht, die sich für diesen Themen interessieren und die an ihrer Schule aktiv werden wollen. „ZUGÄNGE ERWEITER“ wird gefördert über das Landesdemokratiezentrum im Ministerium für Inneres, ländliche Räume, Integration und Gleichstellung und über das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein.

Deutsch-israelischen Schüleraustausch auch in Schleswig-Holstein intensivieren und fördern

Die Jerusalem Foundation betreut in Zusammenarbeit mit der Bildungsabteilung der Jerusalemer Stadtverwaltung seit 1995 den Jugendaustausch zwischen Deutschland mit Jerusalem und hat auf diesem Wege hunderte, wenn nicht tausende SchülerInnen aus vielen Teilen Deutschland nach Jerusalem gebracht und umgekehrt. Es würde mich freuen, wenn sich Schulen aus Schleswig Holstein an diesen erfolgreichen "MY WORLD MEETS YOURS" Programm beteiligen könnten, was in diesem Schuljahr Corona-bedingt online durchgeführt wird.

Dank eines Förderers aus Deutschland unterstützte die Jerusalem Foundation in enger Abstimmung mit der zuständigen Mitarbeiterin der Jerusalemer Stadtverwaltung den Schüleraustausch mit Deutschland. Der bisherige deutsche Förderer hat sich mit seiner Stiftung einem neuen Förderfeld zugewandt, weshalb für das Schuljahr 2021/22 erstmals seit 1995 bisher keine Förderung aus Deutschland gesichert ist. Gegenwärtig sind 10 Gruppen aus 10 Schulen mit ca. 150 SchülerInnen im Deutschland-Jerusalem online-Austausch aktiv. Dieses Programm soll im kommenden Schuljahr ab September 2021 online weitergeführt werden, wozu sich bereits einige Schulen angemeldet haben. Auch wenn der Austausch in persona wieder möglich ist, soll ein Teil des online Programms als Vor- und Nachbereitung beibehalten werden. Inhaltliche Einblicke in das Programm vermittelt das beiliegende Programmheft.

Broschüre Deutsch-israelischen Schüleraustausch

Hier gibts die Broschüre
des deutsch-israelischen
Schüleraustausches
zum download.

Der Schüleraustausch mit Jerusalem fördert nicht nur die Völkerverständigung, die jungen Deutschen machten sich bei ihren israelischen Gastfamilien direkt mit Land und Leuten vertraut. Die SchülerInnen kommen bei Besuchen, Besichtigungen und verschiedenen Veranstaltungen mit allen BewohnerInnen des lebendigen und kulturell vielfältigen Jerusalems in Kontakt, ob Juden, Muslime oder Christen, Jung oder Alt. Neben dem Kennenlernen und der Förderung des gegenseitigen Verständnisses werden bei diesen Begegnungen Freundschaften geschlossen, die nicht selten ein Leben lang bestehen bleiben. Die Jerusalem Foundation erreichen immer wieder Berichte von Menschen aus Deutschland, die begeistert über ihre prägenden Aufenthalte in den israelischen Kibbutzim vor vielen Jahrzehnten berichten. Heute ist es der Schulaustausch, der diese wichtige Verbindung zwischen Deutschland und Israel belebt und weiterführt.

Meet a Jew

Ergebnisbericht 2020

Coronabedingt erst spät im vergangenen Jahr konnte der Verein Miteinander leben e.V. sein neues Projekt „ZUGÄNGE ERWEITERN – Bildungsnetzwerk Antisemitismus“ starten. So verzögerte sich die Auswahl der vertretenden Projektleitung, die für die designierte Projektleiterin Gabriele Hannemann während deren Sabbatical die Projektarbeit bis zum Juni 2021 anleiten soll, beim Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein personalbedingt. Mit Uta Hartwig wurde hier zum November 2020 eine versierte Lehrkraft benannt, die aus Ihrer Tätigkeit beim IQSH über profunde Kenntnisse zum Themenfeld Antisemitismus verfügt und gerade an Kieler Schulen gut vernetzt ist

Durchgeführte Netzwerkarbeit
Auf einem ersten Planungsgespräch, gemeinsam mit Gabriele Hannemann, die das Projekt aktuell ehrenamtlich unterstützt, wurde festgelegt, dass Uta Hartwig ihre Projektarbeit in den kommenden Monaten auf den Einzugsbereich Kiel konzentrieren soll, was die Netzwerk- und Bildungsarbeit im Projekt anbetrifft. Dies erschien auch angesichts der geringen Fahrzeiten und der Tatsache, dass in der Kürze der Projektzeit noch keine Ausschreibung für eine Projektassistenz erfolgen konnte, als beste Vorgehensweise für einen sinnvollen Projektstart.
Die Projektleitung wirkte maßgeblich an der Planung von Online-Fortbildungs-veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem IQSH mit, so bei der Organisation und Durchführung von Fortbildungen und Workshops für Grundschullehrkräfte zu den Themen „Jüdisches Leben“ und „Erinnerungskultur gestalten“. Ebenso im Fokus ihrer Arbeit stand die Beratung und Unterstützung von Lehrkräfte an Grundschulen sowie die Mitgestaltung des an Schulen und andere Bildungsträger gerichteten Bildungsangebots des Vereins.
Weiterhin wurde an der Organisation und Moderation eines Workshops für Sek. I/II zum Thema „Verschwörungserzählungen“ mitgewirkt, einhergehend mit einer Beratung und Unterstützung von Lehrkräften Sek. I/II im Hinblick auf geplante Gedenkstättenfahrten, dem pädagogischen Einsatz von Zeitzeug*innen oder Wanderausstellungen sowie bei der Initiierung von Schulprojekten zum Themenfeld „Antisemitismus“.
Die Projektleitung begann weiterhin mit dem Kontaktaufbau und der Kontaktpflege von Multiplikatoren an Schulen und Jugendeinrichtungen in der Region, aufbauend auf dem bestehenden Netzwerk von Partnerschulen des Vorgängerprojektes, aber auch zu Institutionen außerhalb des Schulsystems, wie etwa zur jüdische Gemeinde Kiel zwecks geneinsamer Veranstaltungsplanung, zum Stadtarchiv Kiel, zur Universität Flensburg, zur Landesfachberatung des IQSH, zur Landeszentrale für politische Bildung oder zum Jüdisches Museum Rendsburg.
Seitens der Projektorganisation wurde zudem Kontakt mit „KiGA – Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ in Berlin aufgenommen, mit denen der Projektträger bereits in den vergangenen Jahren immer wieder Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte im Zuge des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ organisiert hat. Es wurde ausgelotet, ob seitens dieses Bildungsträgers eine Online-Fortbildung zum Thema „Antisemitismus heute“ anbieten könnte. KiGA stellte dies für das Jahr 2021 in Aussicht und sagte zu, ein entsprechendes Exposé zu arbeiten.

Zu den Ergebnissen der Netzwerkarbeit gehört es auch, dass auf Anregung der Gemeinschaftsschule Mölln, seit vielen Jahren Partnerschule des Vereins Miteinander leben e.V. beim diesem Thema, zum Unterrichtszwecke ein Lehrbuch für Kinder ab Klassenstufe 4 im Klassensatz beschafft wurde, das sich altersgerecht mit der Shoa auseinandersetzt.

Schmetterlinge

Gern wäre ich geflogen – wie ein Schmetterling
(Empfehlung: German Speaking Countries Section der Internationale Schule für Holocaust Studien (ISHS) der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem)
Idee und Redaktion: Shulamit Imber, Dr. Noa Mkayton
Zielgruppe: Schüler/innen des 3. und 4. Schuljahres

Zum Konzept der Unterrichtseinheit:
Das Buch handelt von der persönlichen Geschichte von Hannah Gofrith und ihrer Familie. Über das Medium der Familiengeschichte lernt der Leser auf altersgemäße Art und Weise die zentralen Eckpunkte der Geschichte des Holocaust kennen. Das Buch führt dem Leser die elementaren Konzepte und Grundbegriffe des Holocaust vor Augen, zum Beispiel: Kennzeichnung der Juden mit dem gelben Stern, Ghetto, Vertreibung, Aufstand, Versteck, Gerechte unter den Völkern, Tod und Überleben. Diese Konzepte und Begriffe werden im späteren Geschichtsunterricht in vertiefter Weise behandelt. Ziel in dieser Altersgruppe ist es nicht, die Geschichte des Holocaust zu vermitteln, sondern die Schüler mit den elementaren Konzepten, die in der Geschichte Hannah Gofriths enthalten sind, vertraut zu machen. Das Buch ist in Kapitel aufgeteilt, die die fortlaufende Geschichte von Hannahs Leben erzählen. Jedes Kapitel ist einem eigenen Thema gewidmet. Es ist nicht notwendig, sämtliche Kapitel zu unterrichten, und das Auslassen einzelner Kapitel beeinträchtigt nicht notwendig den kontinuierlichen Erzählfluss. Die Kapitel, die mit der jeweiligen Klasse besprochen werden sollen, sind sorgfältig auszuwählen. Während der gesamten Geschichte begleitet die erwachsene Figur der Hannah den jungen Leser. Auf diese Weise bleiben die Schüler nicht sich selbstüberlassen, wenn sie die furchtbare Geschichte kennenlernen. Das Buch erzählt Hannahs Geschichte vor, während und nach dem Holocaust. Damit werden wir der Überzeugung gerecht, dass wir, um das Ausmaß des Verlustes erfassen zu können, vertraut sein müssen mit jüdischem Leben vor dem Holocaust.

Durchgeführte Unterrichtsangebote
Trotz des späten Projektbeginns konnten parallel zur Netzwerkarbeit auch einige Akzente zur Antisemitismusprävention an Schulen in Einzugsgebiet gesetzt werden. So wurde in der Gemeinschaftsschule Mölln kurzfristig eine Lesung mit dem israelischen Journalisten und Autor Igal Avidan organisiert. Er präsentierte vor rund 40 Schüler*innen zweier 10. Klassen die spannenden Recherchen zu seinem Buch „Mod Helmy – wie ein arabischer Arzt Juden vor der Gestapo rettete“. Avidal führte in seinem Vortrag aus, dass die meisten Menschen in Nazi-Deutschland gleichgültig auf die Judenverfolgung reagierten und viele sogar aktiv daran teilnahmen. Nur 600 von ihnen wurden von Yad Vashem als Judenretter geehrt und ein einziger war ein Araber. Der Arzt Mod (Mohamed) Helmy wurde von den Nationalsozialisten als »Nichtarier« diskriminiert und als Ägypter inhaftiert. Trotzdem half er jahrelang einer jüdischen Familie, sich vor der Gestapo zu verstecken. Mitten in Berlin gelang es ihm sogar mithilfe von Hitlers Intimfreund, dem Mufti von Jerusalem, eine Jüdin als Muslima in Sicherheit zu bringen. Igal Avidan konnte diese besondere Lebensgeschichte anhand von Gesprächsaufzeichnungen mit ehemalige Patienten und Beschreibungen der besuchten der Verstecke für die Schüler*innen sehr lebhaft nachzeichnen. Dies zeigte in der angeregten Diskussion, die sich an seinen Vortrag anschloss und die der Autor abschließend mit der Vergabe einiger Exemplare seines Buches an die besten Fragesteller*innen würdigte. Auch die beteiligten Lehrkräfte zeigten sich von dem ausgewöhnlichen Vortrag Avidals durchweg positiv beeindruckt.

Netzwerkprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ fördert erste Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention
Journalist und Autor Igal Avidan berichtet Schüler*innen der Möllner Gemeinschaftsschule über den arabischen Arzt und Judenretter Mod Helmy © Verein Miteinander leben e.V.

Teilnehmer Geschlecht Altersstruktur Lehrkraft Migr.hi.
Anzahl männlich weiblich 6-13 14-17 18 >
16 2 14 0 0 15 1 4

Für die Lauenburgischen Gelehrtenschule in Ratzeburg wurde die Präsentation der Ausstellung „Du Jude“ der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ermöglicht. Sie thematisiert die Geschichte und die vielfältigen Gegenwartsphänomene des Antisemitismus und ist gezielt für junge Menschen aufbereitet. Rund 150 Schüler*innen nutzten die Möglichkeiten, sich an den insgesamt 21 mobilen Stelltafeln über aktuelle Formen der Judenfeindschaft zu informieren. Zahlreiche Beispiele, unter anderem aus den Bereichen Musik, Sport, Internet und natürlich Schule, machten dies plakativ erfahrbar. Dabei wurden auch die Perspektiven und alltäglichen Erfahrungen von Jüdinnen und Juden sowie die Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland sichtbar gemacht. Seitens der Schulleitung wurde die Konzeption der Ausstellung, die vielerlei Zugänge zur Diskussion über Antisemitismus mit den Schüler*innen ermöglichte, sehr gelobt.

Netzwerkprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ fördert erste Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention
Ausstellung „Du Jude - Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“ in der Lauenburgischen Gelehrtenschule Ratzeburg © Verein Miteinander leben e.V.

Teilnehmer Geschlecht Altersstruktur Lehrkraft Migr.hi.
Anzahl männlich weiblich 6-13 14-17 18 >
160 80 80 0 150 15 10 15

Zum Gedenken der Reichsprogromnacht 1938 wurde zudem am 09.11.2020 in der Stormarnschule in Ahrensburg eine Online-Zeitzeugenbegegnung für die 9. Jahrgangsstufe organisiert. Aus Israel wurde Tswi Josef Herschel zugeschaltet, ein Überlebender der Shoa. Er stellte den Jugendlichen seinen „Lebenskalender“ vor, ein einzigartiges Dokument bestehend aus 24 Bildern einer Lebensvision, gezeichnet von seinem Vater, so wie er sich es für seinen Sohn vorgestellt und gewünscht hatte. Tswi Herschel, geboren 1942 im holländischen Zwolle, durfte seinen Vater Nico und seine Mutter Ammy nie kennenlernen. Seine Eltern gaben ihn 1943, wissend das ihr eigener Weg aus dem Amsterdamer Ghetto in den Tod führen würde, im Alter von sechs Monaten in die Hände einer befreundeten niederländischen Familie, die ihn fortan als eigenes Kind mit dem Namen Henk großzog. Tswi Josef Herschel ahnte als Henk nichts von seiner jüdischen Identität und auch nichts von der großen Gefahr, die seine Pflegefamilie auf sich nahm, um ihn vor den Nazischergen zu verstecken.

Erst als nach dem Krieg seine Großmutter Rebecca, die einzige Überlende der Familie, erschien und ihn völlig unvermittelt und für ihn traumatisch zu sich nach Rotterdam holte, begann seine Suche nach seiner wahren Identität. Von seiner Großmutter, die den Holocaust überlebte, aber ihr Leben traumatisiert blieb, erfuhr er nur wenig über seine Herkunft. In seiner wachsenden Neugier setzte er sich über ihre Verbote hinweg und begann heimlich in ihren Unterlagen zu suchen. Er stieß auf die Namen seiner Eltern und erhielt als Jungerwachsener schließlich weitere Papiere, darunter seinen „Lebenskalender“, das Vermächtnis seines Vaters. Er erfuhr in vielen Jahren der Recherche, was aus seinen Eltern wurde, als sich ihre Wege in Amsterdam trennten. Über das holländische Judendurchgangslager Westerbork führte ihr Weg noch im gleichen Jahr direkt in den Tod im Vernichtungslager Sobibor. Tswi Herschel besuchte diesen Ort im südöstlichen Polen, der noch von den Nazis zum Zwecke der Vertuschung abgebrochen worden war und heute ein beklemmendes Waldstück über Massengräbern ist.

Tswi Josef Herschel (re.) mit seiner Tochter Natalie Herschel

Tswi Josef Herschel (re.) mit seiner Tochter Natalie Herschel

Seine jüdische Identität wurde für Tswi Herschel in der Folge immer bedeutsamer, insbesondere auch durch die Erfahrung, dass er vormals als Henk niemals eine Form von Ausgrenzung erfahren musste, aber als Tswi den zunehmenden Antisemitismus im Nachkriegsholland ganz persönlich erlebte. So reifte in ihm der Wunsch, ein Leben ohne die alltäglichen, mal subtil, mal offen geäußerten Anfeindungen, zu führen. Er emigrierte 1986 mit seiner Familie nach Israel, ganz wie sein Vater es sich in seinem „Lebenskalender“ für ihn gewünscht hatte und widmete sich in den Folgejahren zunehmend der Versöhnungsarbeit, als Botschafter der Geschichte, der eine bewegende Lebensgeschichte zu erzählen hat.

Ein zunächst lang geplanter Besuch von Tswi Herschel an der Stormarnschule, konnte über das Medium der Online-Konferenz trotz Corona ermöglicht werden und war aus Sicht der Projektträger sogar in einer interaktiven Weise, die durchaus zukunftsweisend für die Einbindung von Überlebenden der Shoa sein kann, die teilweise zu betagt sind, um noch reisen zu könne, aber immer noch berichten wollen und müssen.

Teilnehmer Geschlecht Altersstruktur Lehrkraft Migr.hi.
Anzahl männlich weiblich 6-13 14-17 18 >
90 42 48 0 90 0 2 11

Projektorganisation
Die Projektorganisation bereitete parallel eine Stellenausschreibung für die angedachte Projektassistenz vor, die auf Minijobbasis die geplante Netzwerkarbeit unterstützen soll. Die Ausschreibung soll im Laufe des Januar 2021 veröffentlich werde, mit dem Ziel einer Besetzung bis Ende Februar 2021.

Als weiterer wichtiger Baustein der Netzwerkarbeit wurde seitens der Projektorganisation die Einrichtung einer Projektwebseite, auf der die Idee eines schulischen Bildungsnetzwerkes Antisemitismus vorgestellt und über dessen Arbeit berichtet wird. Diese Arbeiten konnten bis zum Jahreswechsel abgeschlossen werden. Diese Webseite ist seit Jahresbeginn 2021 online.

Für den Verein Miteinander leben e.V. war es trotz all der Schwierigkeiten mit den Coronaeinschränkungen eine positive Bilanz des Projektstarts, vor allem beispielsgebend dafür, was in den kommenden fünf Jahren im gesamten Schleswig-Holstein erwachsen soll, ein Bildungsnetzwerk Antisemitismus, das an vielen Schulen im Land Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention umsetzt.

Netzwerkprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ fördert erste Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention

Coronabedingt erst spät im vergangenen Jahr konnte der Verein Miteinander leben e.V. sein neues Projekt „ZUGÄNGE ERWEITERN – Bildungsnetzwerk Antisemitismus“ starten und doch gleich einige Akzente zur Antisemitismusprävention an Schulen in der Region setzen. So wurde in der Gemeinschaftsschule Mölln, seit vielen Jahren Partnerschule des Vereins Miteinander leben e.V. beim diesem Thema, kurzfristig eine Lesung mit dem israelischen Journalisten und Autor Igal Avidan organisiert. Er präsentierte vor rund 40 Schüler*innen zweier 10. Klassen die spannenden Recherchen zu seinem Buch „Mod Helmy – wie ein arabischer Arzt Juden vor der Gestapo rettete“. Avidal führte in seinem Vortrag aus, dass die meisten Menschen in Nazi-Deutschland gleichgültig auf die Judenverfolgung reagierten und viele sogar aktiv daran teilnahmen. Nur 600 von ihnen wurden von Yad Vashem als Judenretter geehrt und ein einziger war ein Araber. Der Arzt Mod (Mohamed) Helmy wurde von den Nationalsozialisten als »Nichtarier« diskriminiert und als Ägypter inhaftiert. Trotzdem half er jahrelang einer jüdischen Familie, sich vor der Gestapo zu verstecken. Mitten in Berlin gelang es ihm sogar mithilfe von Hitlers Intimfreund, dem Mufti von Jerusalem, eine Jüdin als Muslima in Sicherheit zu bringen. Igal Avidan konnte diese besondere Lebensgeschichte anhand von Gesprächsaufzeichnungen mit ehemalige Patienten und Beschreibungen der besuchten der Verstecke für die Schüler*innen sehr lebhaft nachzeichnen. Dies zeigte in der angeregten Diskussion, die sich an seinen Vortrag anschloss und die der Autor abschließend mit der Vergabe einiger Exemplare seines Buches an die besten Fragesteller*innen würdigte. Auch die beteiligten Lehrkräfte zeigten sich von dem ausgewöhnlichen Vortrag Avidals durchweg positiv beeindruckt.

Netzwerkprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ fördert erste Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention

Journalist und Autor Igal Avidan berichtet Schüler*innen der Möllner Gemeinschaftsschule über den arabischen Arzt und Judenretter Mod Helmy © Verein Miteinander leben e.V.

Für die Lauenburgischen Gelehrtenschule in Ratzeburg wurde die Präsentation der Ausstellung „Du Jude“ der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ermöglicht. Sie thematisiert die Geschichte und die vielfältigen Gegenwartsphänomene des Antisemitismus und ist gezielt für junge Menschen aufbereitet. Rund 150 Schüler*innen nutzten die Möglichkeiten, sich an den insgesamt 21 mobilen Stelltafeln über aktuelle Formen der Judenfeindschaft zu informieren. Zahlreiche Beispiele, unter anderem aus den Bereichen Musik, Sport, Internet und natürlich Schule, machten dies plakativ erfahrbar. Dabei wurden auch die Perspektiven und alltäglichen Erfahrungen von Jüdinnen und Juden sowie die Bedrohungslage für jüdisches Leben in Deutschland sichtbar gemacht. Seitens der Schulleitung wurde die Konzeption der Ausstellung, die vielerlei Zugänge zur Diskussion über Antisemitismus mit den Schüler*innen ermöglichte, sehr gelobt.

Netzwerkprojekt „ZUGÄNGE ERWEITERN“ fördert erste Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention

Ausstellung „Du Jude - Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“ in der Lauenburgischen Gelehrtenschule Ratzeburg © Verein Miteinander leben e.V.

Für den Verein Miteinander leben e.V. war es trotz all der Schwierigkeiten mit den Coronaeinschränkungen eine positive Bilanz des Projektstarts, vor allem beispielsgebend dafür, was in den kommenden fünf Jahren im gesamten Schleswig-Holstein erwachsen soll, ein Bildungsnetzwerk Antisemitismus, das an vielen Schulen im Land Bildungsangebote zur Antisemitismusprävention umsetzt.

Veranstaltungsreihe zu jüdischem Leben und Antisemitismus erfuhr viel Zuspruch

„Was weißt Du von jüdischem Leben und Antisemitismus heute?” - Unter dieser Fragestellung hatten sich der Verein Miteinander leben e.V., die Liberalen Jüdischen Gemeinde Lübeck und die Volkshochschule Ratzeburg im Frühjahr zusammengefunden, um im Jahresverlauf 2020 gemeinsam ein attraktives Programm aus Vorträgen, Exkursionen und Kulturveranstaltungen in Ratzeburg zu organisieren, das neugierig machen, informieren und sensibilisieren sollte. Die Corona-Pandemie durchkreuzte die ersten Planungen, konnte die Organisatoren letztlich aber nicht entmutigen. Im Herbst bot sich schließlich doch die Möglichkeit, unter Einschränkungen zwei musikalische Lesungen, eine Ausstellung sowie ein Vortragsabend zu veranstalten, mit jeweils großer Resonanz und öffentlichem Zuspruch.

Die Ausstellung Du Jude der Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Die Ausstellung »Du Jude« der Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war in der Stadtbücherei und der Lauenburgischen Gelehrtenschule zu sehen © Verein Miteinander leben e.V.

Zusammen mit dem Ensemble vom "Theater im Stall" und Musiker Peter Köhler wurde im September eine musikalische Lesung „Adressat unbekannt“ nach dem Roman von Kressmann Taylor, coronabedingt an zwei Abenden, im Ratssaal des Ratzeburger Rathaus präsentiert. Nachfolgend wurde in der Stadtbücherei die Ausstellung „Du Jude“ der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gezeigt, die die Geschichte und die vielfältigen Gegenwartsphänomene des Antisemitismus thematisiert. Die Ausstellung wanderte anschließend für weitere 14 Tage in die Lauenburgische Gelehrtenschule für schulinternen Unterricht. Das Programm beschließen konnte Journalist und Autor Igal Avidan im November mit einem Vortrag zu und aus seinem Buch „Mod Helmy – wie ein arabischer Arzt Juden vor der Gestapo rettete“.

Die Ausstellung Du Jude der Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Lesung aus »Empfänger unbekannt« mit Maren Colell (vl.) und Angela Bertram vom "Theater im Stall", musikalisch begleitet durch Peter Köhler im Ratzeburger Ratssaal © Verein Miteinander leben e.V.

Die Ausstellung Du Jude der Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Igal Avidan berichtet zu den Recherchen für sein Buch »Mod Helmy - wie ein arabischer Arzt Juden vor der Gestapo rettete« © Verein Miteinander leben e.V.

Aus Sicht der drei Veranstalter konnte die Programmreihe die selbst gesteckten Ziele trotz Corona voll erfüllen, sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich des guten Zuspruchs durch ein interessiertes Publikum. Insgesamt haben rund 850 Besucher*innen und rund 150 Schüler*innen die Veranstaltungsangebote angenommen. Es sind darüber hinaus bereits weitere Veranstaltungsideen in diesem bewährten Kooperationsgefüge entstanden, gerade mit Blick auf die bundesweite Gedenkveranstaltungsreihe ”1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland” im kommenden Jahr.

Die Veranstaltungsreihe wurde gefördert durch die Partnerschaft für Demokratie der Stadt Ratzeburg und des Amtes Lauenburgische Seen mit Mitteln aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.